“Zusammenarbeit per CDE – und am Ende doch nur ein Projektraum und Dateninsel?” – Nachgefragt Interview mit Herrn Ulrich Hartmann

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Aus der Interview-Reihe „Nachgefragt“, Ulrich Hartmann im Interview mit BIM-events.de

 

 

BE: Sehr geehrter Herr Hartmann, Sie sind seit vielen Jahren in der BIM-Branche bewandert. Vor allem im Softwarebereich und die letzten Jahre im Bereich CDE. Wollen Sie Ihr Arbeitsfeld und Arbeitsschwerpunkte beschreiben?

UH: Ja, AEC-Software habe ich mit Begeisterung entwickelt, das ist allerdings schon eine Weile her. Mein Schwerpunkt liegt heute im strategischen Produktmanagement eines globalen IT-Konzerns. Dort ist meine Aufgabe das Thema Common Data Environment CDE als Plattform und als Konzept weiterzuentwickeln. BIM und Digital Twin spielen da ebenfalls eine große Rolle.

Aus diesem Grund bin ich derzeit sehr stark in der nationalen und internationalen Normung engagiert. Bei der DIN BIM Roadmap (https://www.din.de/de/forschung-und-innovation/themen/bim/normungsroadmap-bim) habe ich intensiv mitgewirkt und als Entsandter des deutschen Normenausschusses NABau habe ich die Ehre in den ISO und CEN Gruppen zu den Themen BIM und Digital Twin mitzuwirken. Eine CEN-Gruppe hat unter meiner Leitung das Ziel, einen Standard für Schnittstelle zwischen CDEs zu entwickeln.

BE: Danke. Für unsere Leser: Was bedeutet das konkret und wie dürfen wir uns Ihren Alltag vorstellen?

UH: Ein Beispiel: Bei der Europäischen Normungsorganisation CEN wird gerade eine Guideline für die Anwendung des international maßgeblichen BIM-Standards DIN EN ISO 19650 entwickelt. Das ist ein ziemlicher Brocken, wenn man die mittlerweile sechs Teile der ISO 19650 mal anschaut. Wer sie mal gelesen hat weiß, die Flughöhe ist ziemlich groß. Die Guideline soll Anwendern die praktische Umsetzung erleichtern. Die Teilnehmer der Arbeitsgruppe kommen aus vielen EU-Ländern von Schweden bis Italien. Wir treffen uns regelmäßig online und erarbeiten gemeinsam den Text. Präsenztreffen sind eher die Ausnahme, trotzdem kommen wir erstaunlich gut voran. Die Öffentlichkeit wird das Ergebnis 2024 sehen können.
Ähnliche Arbeitsgruppen laufen zu Digital Twins und zu CDE-Themen. Es geht darum, wie CDE-Anwendungen ihre Informationen über Schnittstellen weitgehend automatisiert austauschen können.

BE: Verstanden. Jetzt zur CDE bzw. Common Date Environment. Wenn man in die Praxis blickt, ähneln viele CDE Systeme einfachen Projekträumen und haben lediglich einen Viewer. Täuscht dieser Eindruck und oder was bezeichnen Sie als eine „Echte“ CDE?

Die CDEs sprießen ja in den letzten Jahren nur so aus dem Boden. Die ISO 19650 sieht im CDE Begriff keine technische Lösung, sondern das Konzept einer Umgebung, ein “Environment” eben. Das hat bei vielen Anwendern Fragezeichen in den Augen hinterlassen. Deshalb haben wir uns bereits 2019 mit anderen Herstellern, wie Nemetschek, ThinkProject, Fact und auch Anwendern aus dem Facility Management und dem Versicherungsbereich an einen Tisch gesetzt und die DIN SPEC 91391 “Gemeinsame Datenumgebungen CDE für BIM-Projekte entwickelt”. Dort wird die Funktionsweise und die Funktionsgruppen einer CDE eingehend erläutert. Ein BIM-Viewer ist eine von vielen Funktionalitäten. Am wichtigsten ist aber das Informationsmanagement und die kontrollierte Durchführung von Workflows zur Prüfung, Freigabe und Verfügbarmachung von Informationen, also Modellen, Zeichnungen und Dokumenten aller Art.

Die DIN SPEC 91391 ist übrigens unter https://www.beuth.de/go/din-spec-91391
kostenlos erhältlich. Neben dem PDF enthält der Download auch eine Excel-Tabelle in der alle CDE-Funktionen aufgelistet sind. Sie kann für eigene CDE-Ausschreibungen oder einfach zum Vergleich von CDE-Angeboten verwendet und an eigene Bedürfnisse angepasst werden.

BE: Danke. Der Eindruck bleibt ein wenig. Viele Systeme wachsen erst in Richtung BIM. Oft erscheint lediglich ein BIM-Knopf zum Viewer. Wo sehen Sie die Zukunft und der CDEs. Welche Systeme werden sich durchsetzen?

UH: Wie gesagt, wir haben das Dilemma, das der CDE-Begriff unterschiedlich interpretiert wird. Die ISO fasst CDE als ein Konzept auf: Eine CDE als Umgebung -Environment- in der Workflows ablaufen, um bestimmte Aufgaben zu erfüllen. In den einzelnen Workflowschritten bearbeiten sogenannte CDE-Lösungen jeweils Teilaufgaben. Als Beispiel: Fachplaner könnten in ihren Anwendungen, also CDE-Lösungen, die jeweiligen Fachmodelle erstellen und im nächsten Workflow-Schritt an einen Koordinator schicken, der dann die Fachmodelle in einen Model Checker zusammenführt und auf Kollisionen prüft. Die Kollisionsberichte wandern dann im Workflow zur Fehlerbehebung zurück an die Fachplaner. Wie ein Workflow-Management aussehen könnte, das läßt die ISO aber -bewusst- offen.
Die andere Interpretation von CDE ist eine cloudbasierte Plattform, nicht nur ein Konzept, sondern ein Produkt, bestehend aus Benutzerverwaltung, Dokumentenmanagement, Workflowmanagement, etc. Mit der CDE als Produkt kann man BIM-Informationsmangement quasi von der Stange haben. Die Kriterien, also was man genau von einem CDE-Produkt erwarten sollte, darüber haben wir uns in der DIN SPEC 91391 detailliert ausgelassen und ja, die DIN SPEC ist unsere Auffassung -und die aller Mit-Autoren- von einer echten CDE.

BE: Die Auswahl nach einer CDE ist meistens mühsam. Hersteller sind sehr intransparent, die dargestellten Workflows am Ende oft nur halbherzig. Wie sehen Sie das?

UH: Ziel der DIN SPEC war es ja gerade, diese Transparenz herzustellen. Die DIN SPEC hat übrigens international reges Interesse hervorgerufen, nicht nur, weil sie gleich auch in englischer Fassung erschienen ist, sondern weil sie einen Nerv getroffen hat und für ein klareres CDE Verständnis sorgt. Manches scheint in Deutschland offenbar nicht so recht durchzusickern. Erst kürzlich hörte ich von Leuten, die es eigentlich besser wissen müßten, es gäbe doch noch gar keine ausgereiften BIM-Standards. Eine meiner Gründe ein dickes BIM-Buch zu schreiben war ja, gerade diese Informationslücke zu schliessen und alle wesentlichen und bewährten BIM-Standards an einer Stelle zusammenzufassen. BIM, so hört man, sei nun langsam “verbrannt”, der Digitale Zwilling sei jetzt das Thema. Ich wittere darin einen Trick, sich nicht wirklich mit der Digitalisierung auseinander zu setzen müssen. Tatsache ist ja, erst durch BIM kann ein Digitaler Gebäudezwilling überhaupt entstehen. Ich will die Hersteller auf keinen Fall in Schutz nehmen, aber der Marktdruck muss von den Nutzern kommen. Nur wenn diese wissen was sie wollen und das bei den Herstellern auch einfordern, wird sich im Markt etwas bewegen. Ich habe den Eindruck, dass Deutschland kurz davor ist, endlich aus seinem Dornröschenschlaf aufzuwachen.

BE: Jetzt sollen die Plattformen die Zusammenarbeit fördern. Dabei bilden sich lediglich Inseln, die untereinander nicht zusammenarbeiten. Wie sehen Sie das?

UH:  Wenn wir noch mal auf die CDE als Umgebung blicken, wie sie die ISO auffasst, dann kann der Workflow nur gelingen, wenn die CDE Anwendungen in dieser Umgebung miteinander kommunizieren können. Das ISO-Konzept ist geradezu ein Aufruf zur Auflösung des Inseldenkens und für eine projektweit durchgängige, herstellerneurale Informationsstrategie. Die zitierte DIN SPEC 91391 hat noch einen Teil 2. Da geht es um Schnittstellen zwischen CDEs. Wir waren uns 2019 natürlich bereits bewußt, dass in einem realen Projekt im Schnitt plus-minus vier CDEs beteiligt sind. Der Bauherr hat eine, die Planer haben eine, die Ausführenden, usw. usw. Das sehen wir auf unseren Plattformen täglich weltweit in tausenden von realen Projekten. Die Kommunikation von einer CDE zur anderen läuft heutzutage allerdings weitgehend manuell. Auf der einen Seite werden Dateien heruntergeladen, auf der anderen Seite wieder hochgeladen. Tatsächlich sind das Inseln, die keine gemeinsame Sprache sprechen oder wie wir sagen, “keine projektweit abgestimmten Metadaten verwenden”. Soll heißen: Schon die Benennungsregeln für Dateien sind unterschiedlich und müssen beim Hoch- und Runterladen manuell angepasst werden. Geschweige denn Metadaten zu den Workflowschritten, also welche Informationen werden geliefert, zu welchem Zweck, in welcher Version usw. Die Veröffentlichung der DIN SPEC Teil 2 “Offene Schnittstellen von Gemeinsamen Datenumgebungen” hat zur Gründung einer Arbeitsgruppe geführt. Ich habe das Vergnügen diese Gruppe leiten zu dürfen. Wir wollen dieses Thema bis zu einer CEN-Norm voranbringen. Dazu sind alle interessierten Kreise aufgerufen mitzumachen, auch wenn die Arbeit der Gruppe schon ordentlich vorangeschritten ist.

BE: Vielen Dank. Die Softwarebrache schafft Probleme und verkauft die Lösung. Ihr Abschlusswort?

UH: Gute Softwarelösungen gibt es genug. In einer CDE spielt sich alles ab, was in einem Projekt relevant ist. Insofern ein ausgezeichneter Beobachtungsstandort. Die Softwarebranche arbeitet gewinnorientiert und hat die Aufgabe etwa strukturelle oder regulatorische Probleme eines Landes zu lösen. Wir können nur begrenzt Richtungen priorisieren und Defizite ausgleichen. Weil ich so stark international unterwegs bin, sehe ich umso mehr die Schwächen im eigenen Land. Enthusiasmus ist sicher keine unserer hervorstechensten Eigenschaften. Aus purer Begeisterung ist bei uns daher keine Triebkraft zu erwarten. Aber auch der kühle Pragmatismus scheint uns nicht anzutreiben auf dem Weg zur Digitalisierung.

Wir sollten eine nüchterne Bestandsaufnahme machen und uns an den Besten orientieren. In vielen Ländern ist der digitale Bauantrag kein Thema mehr, weil er seit Jahren Alltag ist. Wir sehen bei uns, dass wir wichtige Ziele, wie 400.000 Wohnungen im Jahr zu bauen, verfehlen. Auch bei Nachhaltigkeitsthemen kann BIM der Enabler sein. Mangelnder Ingenieurverstand ist sicher nicht das Problem. So wertvoll der Föderalismus bei uns ist, wir können uns nicht 16 länderspezifische plus eine Bundes-BIM-Lösung leisten. Unser BIM-Stufenplan verharrt seit Jahren auf Stufe 1 (von 3). Ein Alarmsignal, dass uns eine ausgegorene BIM-Strategie immer noch fehlt.

 BE: Danke für Ihre Zeit!

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