BIM World Munich, Besucherbericht von Ulrich Hartmann

BIM World Munich 2017

Bild 1: Mark Bew, Chairmen BIM Task Group und Regierungsberaterberater verweist auf Milliarden-Potentiale durch BIM

Der Besuch hat sich gelohnt, die BIM World Munich 2017 hat in vielen Punkten das Format anderer internationaler BIM Events, beispielsweise in Manchester oder London, erreicht.
Von Ulrich Hartmann

BIM goes commercial,

das zeigen auch die Entwicklungen der Besucher- und Ausstellerzahlen wie Josef Kauer, Präsident der BIM World Munich zu berichten weiß. Internationale Aussteller und Konferenzbeiträge, Konferenzsprache Englisch, ganz schön weltoffen. Bei der Pressekonferenz allerdings bleibt es dann doch bayerisch bodenständig, wenn sich Christine Degenhart, Architektin, Präsidentin der bayerischen Architektenkammer, Markus Hennecke, Vorstand der bayerischen Ingenieurkammer-Bau und Michel Kießling, frischgebackenes Mitglied des Deutschen Bundestages aus dem Wahlkreis Starnberg-Landsberg-Germering kontrovers die digitalen Bälle zuspielen. Degenhardt sieht die bayerische Architektenkammer als Kooperationspartner und Förderer des Wettbewerbs über offene Standards im BIM-Bereich. Die Unterstützung bei der Einführung von BIM sei auf einem guten Wege, sie verweist auf die Bemühungen der Bundesarchitektenkammer.

BIM goes communal?
Kießling bringt seine Erfahrungen als Bürgermeister ein und verweist auf die Schwierigkeiten der Kommunen auch bei noch so gutem Willen BIM in Projekten einzuführen. Es fehle schlicht an Regelwerken. Kommunen könnten die Rahmenbedingungen der HOAI nicht ohne triftigen Grund verlassen. Nur wenn der am Ende erzielbare Mehrwert im Gemeinderat darstellbar sei, könnten höhere Anfangskosten konsensfähig werden. Ein Projektvolumen von 10-15 Mio. € sei für eine Gemeinde nicht unerheblich, professionelle BIM-Unterstützung habe für diese Größenordnung jedoch nur ein mildes Lächeln übrig. Die Politik könne hier mit Förderungen helfen, gemeinhin allein sei man hier bei weitem überfordert. Degenhart spricht die derzeitige Fragmentierung der BIM-Bemühungen auf Bundesebene an und äußert den Weihnachtswunsch nach einem gebündelten Zuschnitt eines für BIM zuständigen Ministeriums im Zuge der anstehenden Regierungsbildung.

„Und wo bleibt das Handwerk?“

Auf diese Frage weiß Degenhart das Zimmererhandwerk bereits auf einem guten Wege und wirft die Frage auf, wer denn verantwortlich sei für das Gebäudemodell. Hierauf schneidet Hennecke das Thema Verwendbarkeitsnachweise an und öffnet damit das große Fass von der rechtlichen Verantwortlichkeit und Absicherung. Diese Steilvorlage nutzt Kießling geschickt für eine Generalüberlegung in Sachen ‚Cloud‘. Hier frage niemand, “wo liegen meine Daten?“, doch eine Bank, die die Frage“ wo liegt mein Geld?“ nicht beantworten könne, sei ja wohl undenkbar. Die Frage eines Zuhörers, wie es denn um die Schulung des Handwerks in Sachen BIM-basierte Ausschreibung stehe, verhallt dagegen ungehört.
Ich habe mir vorgenommen beim nächsten Mal meine Bank zu fragen wo denn mein Geld liege, ach nee, ich mache ja seit 20 Jahren Internet Banking…

Konferenzbeiträge – Jede Menge Innovation

Mark Bew, Chairman of the UK Government BIM Task Group, war natürlich schon wieder in Richtung ‘Digital Built Britain’, also der Ausweitung von BIM auf Stadt, Land und Fluss, unterwegs. Doch halt, soweit sind wir hier auf dem Festland –von Holland vielleicht mal abgesehen- noch nicht.
Sodann brachten die Key Notes an Tag 1 das Fachpublikum mit erstaunlichen, gelegentlich überraschenden, Hochglanzvideos zum Staunen.

Tag 2 der BIM World Munich Konferenz hatte es dann so richtig in sich.

Einige High-Lights:

BIM IN THE NORDICS, Håvard Vasshaug (Design Technologist), Architekturbüro Snøhetta, Oslo
Bild 2: Turbinenauslauf, komplexe Geometrien generiert mit Grashopper-Skript. So enwirft Håvard Vasshaug Wasserkraftwerke
Bild 3: Wir überwinden die Schuhkartonarchitektur. Generische Formgebung durch verschnittene Freiformkörper. Studie Snøhetta, Oslo

Snøhetta, Erbauer des Oslo Opera House und anderer prestigeträchtigen Objekte in Nah und Fern sind sich nicht zu schade auch mal eine mit BIM entworfene Berghütte ins atemberaubende norwegische Bergpanorama zu stellen, um dann per Rhino-Script die komplexen Betonstrukturen eines Wasserkraftwerks generativ zu modellieren. Mühelos spielen sie auf den Skalen groß/klein, physisch/virtuell, analog/digital. Mit Neugier, Offenheit und Innovationsfreude nehmen sie – echte Architekten eben – das geeignete Instrumentarium beim Entwurf in der Fertigung selbst in die Hand und warten nicht ab, bis ein Software-Riese ihnen eine glattgeschliffene Standardlösung verkauft.

Die Fähigkeiten des Werkzeugs bestimmen denn auch die architektonischen Möglichkeiten. Ein Rhino-Script lässt sich eben leichter zur Abstimmung an einen möglichen Hersteller per Email um den Erdball schicken, als ein in der Werkstatt aus dem Vollen gefrästes Kunststoffmodell. Und so kommt eben unendlich viel mehr Architektur dabei heraus als gewöhnlich. Wie BIM kreative Architektur beflügelt – unbedingt anschauen: https:// shohetta.com

BIM – A Brick of the Digital Transformation, Jochen Fabritius, CEO Xella International

sieht sein Unternehmen nicht mehr als reinen Baustoffhersteller, sondern als Lösungsanbieter. Denn mit BIM steht jetzt so viel Kontextinformation zur Verfügung, so dass Baumaterial, Lieferung und Einbau genau aufeinander abgestimmt werden können. Beispiel: Enge Stadtbaustelle, enge Zeitfenster für die Anlieferung. Hier kommt keine kleckerweise Anlieferung kleinteiliger Komponenten infrage. Das hat Einfluss auf Material und Konstruktionsart. Xella will schon bei Planung und Entwurf dabei sein. Die Wand als 3D-Service – mit BIM mehr als nur Baustoffe herstellen.

BIM DESIGN WORKFLOW AND SIMULATIONS, Oliver Geibig, Hilti Central Europe

Mit Hilti ist ein weiterer Hersteller auf dem BIM-Trip. Der intelligente Baukasten findet das optimale Montageelement abhängig von der Umgebung in der es eingesetzt wird. Und Umgebung das heißt? Richtig! Das BIM-Modell hat die Informationen, welcher Anker, welche Kabeltrasse hier am besten passt. Nur folgerichtig: Hilti unterstützt auch den Bestellprozess. Auch bei der Installation bleibt der Monteur nicht allein. Im Augmented Reality Modell sieht er die Einbaupositionen wie aufgemalt unter der Betondecke und kann, wen wundert’s, auch gleich nach Einbau noch das ‚As-Built‘ Modell aktualisieren.

BIM TO PRODUCTION – ROBOTICS FOR THE CONSTRUCTION SITE OF THE FUTURE, Sigrid Brell-Cokcan, RWTH Aachen

Diese „Future“ ist in der Tat in manchen Unternehmen schon eingetreten, so Sigrid Brell-Cokcan, Professorin am Lehrstuhl für Individualized Building Production. Und das nicht nur, wenn Roboter in ihren Institutsräumen Malerarbeiten verrichten. Ausgediente Industrieroboter der Automobilindustrie funktioniert sie mit ihren Studenten zu geschickten all-round Werkzeugen um. Diese zerlegen ausgediente Plattenbauhochhäuser in wiederverwendbare Einzelteile. Auch in der individuellen Fertigung im Holzbau und sogar bei Steinmetzarbeiten erweisen sich Roboter als äußerst hilfreich. Kollege Roboter kloppt nicht einfach drauf los, sondern kann mit sensorgestütztem Fingerspitzengefühl filigrane Oberflächenmuster in den Stein meißeln – Schlagimpuls und Meißelhaltung für den menschlichen Bewegungsapparat schier unmöglich. Dass die Technologie nicht nur ausgereift, sondern auch bezahlbar, belegt Brell-Cokcan mit einem Industrieroboter vom Weltmarktführer Kuka. Sofort-Kaufen bei eBay nur 4.990,-€. Wenn das kein Schnäppchen ist! Ihr lakonischer Einwurf „Warten Sie mal, wenn die Autoindustrie runter geht, dann kriegen Sie die Dinger noch billiger” entlockt dem Saal Gelächter, bis die Implikationen dieses Satzes bewusst werden.

Future so bright, also?

Es gibt ein bottle neck, Brell-Cokcan zeigt eine Statistik. Nur die Gruppe der unter 34-jährigen (46%) setzt sich in nennenswertem Umfang mit dem Thema Robotik auseinander. Entscheidungsträger sind in dieser Altersgruppe kaum vertreten. Entsteht hier gerade eine Disruptionsblase? Und so ist ihre Botschaft klar. “Schnappen Sie sich einen der zwanzigtausend Hochschulabgänger, die in Europa jährlich die Unis verlassen und fangen Sie an!”

AUGMENTED REALITY WITH ARCORE AND TANGO, Jürgen Sturm, Google München

Dass das Beste tatsächlich oft zum Schluss kommt, ahnt noch niemand als der nerdige Sturm in Sneakers die Bühne betritt. Schon die Vita, von Moderator Christian Stammel mit wachsender Bewunderung verlesen, lässt aufhorchen und klingt zunächst nach einer dieser typisch amerikanischen Silikon Valley Karrieren. Doch nein, Freiburg im Breisgau ist der Ausgangspunkt dieses High-Tech Programms. Und auch das Team, das das was jetzt kommt entwickelt hat, sitzt zum großen Teil in München. Der Augmented Reality Kern, den Sturm und sein Münchner Team bei Google entwickelt hat, erlaubt bereits mit normalen Android-Smartphones die dreidimensionale Erfassung von Objekten. Mit der Google Tango Technologie ausgestattete Handys liefern dank Stereo-Kameras und Weitwinkelobjektiv eine noch genauere Tiefenerfassung und räumliche Orientierung. Der 3D-Scanner in der Westentasche -laut Sturm bald in fast jeder- erlaubt neue Anwendungsfälle der Indoor-Navigation. Das Handy führt mich zum Regal im Supermarkt, denn es kennt nicht nur meinen Einkaufszettel, sondern weiß auch, in welchem Regal das Produkt steht und navigiert mich, indem es den Weg dorthin auf den Fußboden ‚malt‘, dorthin. In den Einkaufwagen legen muss ich die Dose Erbsen dann doch noch selber…

Bild 4: Nur spielen? Mit indoor navigation über Tango und AR nimmt Google den nächsten Innovationssprung im Sturm

Messen im gerade eingescannten 3D-Modell, Sturm führt es live auf der Bühne vor und zaubert mit Velociraptor gleich noch einen virtuellen Drachen auf die echte Bühne. Will er nur spielen? Nein, die realen Anwendungsfälle sind unerschöpflich. Ich stelle mein neues Sofa erst mal virtuell ins Wohnzimmer bevor ich es kaufe. Auch vor dem Lebendigen macht er nicht halt. Das neue Gewand dem, -vom Smartphone erfassten- zweiten Ich fix überstreifen. Steht mir, steht mir nicht. So manche Kaufentscheidung dürfte in nicht allzu ferner Zukunft wohl so fallen. Angereicherte Realität ‚Made in Germany‘, das kommt eben dabei heraus, wenn man “50 Software Ingenieure eine Zeitlang zusammen einsperrt” so Sturm.

Messebummel

Mehr als 120 Aussteller auf zwei Ebenen verteilt, vom Baustoffhersteller, 3D-Scanner-Hersteller, Software- Schmiede groß oder klein, Mainstream oder Nischenprodukt, BIM-Dienstleister und Plattformanbieter. Auf der BIM World Munich 2017 war so ziemlich alles BIM-Relevante vertreten.
Die Bandbreite ist riesig. Macht man schon BIM, wenn man eine IFC-Daten einlesen kann? Eine Frage, der ich in einigen Gesprächen nachgegangen bin. Dass BIM etwas mit Zusammenarbeit zu tun hat, ist den Meisten schon bewusst. “Wie sind Sie denn in so einen Prozess der Zusammenarbeit eingebunden?” Könnte die Lieferung von eigenen Fachplanermodellen an eine zentrale CDE und die interaktive Beseitigung von Fehlern, beispielsweise Kollisionen, ein Thema sein? Der Austausch von BCF-Dateien, für einige schon Standard, bei manchen ist das noch Neuland. Dass BIM auch bedeutet Informationsanforderungen mit entsprechenden Modelllieferungen zu beantworten, hat sich noch nicht bei allen herumgesprochen. Dass die in Teilen schon als Gründruck erschienene, deutsche BIM-Richtlinie VDI 2552 hier einige Klarheit schaffen wird, bleibt zu hoffen. Der Zeit voraus dagegen datenbankgestützte BIM-Anwendungen, die schon jetzt dem zukünftigen BIM-Level 3 entsprechen. Der Ingolstädter Generalplaner pbb tritt hier mit einer interessanten Eigenentwicklung an. In der eigenen Praxis täglichen Einsatz realitätsnah erprobt und weiterentwickelt, steht der „BIM + Datenbank = BIMDESIGNER“ jetzt als CAD-unabhängiges Produkt zur Verfügung. Filtern, Visualisieren, Verlinken mit den notwendigen Dokumenten, Klassifizierung, die Übergabe an den Betrieb, Versionierung von Modellen und vieles mehr. Endlich wieder Software von Ingenieuren für Ingenieure!

BIM World Munich ­- Ein Format hat sich bewährt

Das Format aus Konferenz und Ausstellung kann sich im internationalen Vergleich sehen. Gelegentlich wäre etwas Zurückhaltung beim Product-Placement in den Beiträgen wünschenswert, auch wenn einige Hauptsponsoren dies sicher anders sehen. Belebend wären sicher auch die andernorts so bewährten Penals, also kurze mit interessanten Referenten besetzte Podiums-Diskussionen, die zwischen den einzelnen Konferenzbeiträgen Themen durchaus kontrovers und daher aus vielen Blickwinkeln beleuchten. Hier sei ein Blick auf schon genannte internationale BIM-Konferenzen gewagt und zur Nachahmung empfohlen.

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